Südkurier 21.04.2004
Ein Bild sagt mehr als tausend Daten
Michael Berthold ist Altana-Stiftungsprofessor für Bioinformatik - Heute Antrittsvorlesung an der Uni
Als erstes hat Michael Berthold keinen Supercomputer angeschafft, sondern eine Kaffeemaschine: "Das ist eine gute Investition", sagt der 37-jährige Bioinformatik-Spezialist. "Die coolsten Ideen gibt es, wenn sich Leute beim Kaffeetrinken treffen." Bertholdist der neue Altana-Stiftungsprofessor an der Universität. Nach Konstanz kam er aus einem Tal, das für coole Ideen bekannt ist:dem Silicon-Valley in Amerika. Er leitete dort das Labor einer Firma, die Computerprogramme für die Arzneimittelforschung entwickelt. "Die denken vierteljährlich", sagt Berthold, "alle drei Monate wird das Geld überprüft und die Forschung neu ausgerichtet."
Cool, schnell und teuer ist das Tal der Software-Firmen. Selbst die Konstanzer Wohnungspreise empfand der Professor da als noch vergleichsweise günstig. An der Kaffeemaschine in seinem Büro im Z-Gebäude der Uni will Berthold die Langsamkeit der Wissenschaft neu entdecken und sich mit Themen befassen, die nicht nach ein paar Wochen die Bilanz aufbessern müssen. Aber auch dabei wird der Bioinformatiker für deutsche Verhältnisse wohl ein flottes Tempo einschlagen, so wie bisher: Vor sieben Jahren machte er seinen Informatik-Doktor in Karlsruhe, war dann an der Uni Berkeley (USA) bis er ins Silicon-Valley zog. Berthold ist Mitherausgeber von Zeitschriften und Präsident einer Fachgesellschaft, Gutachter für Journale und Autor eines erfolgreichen Lehrbuchs. Als er für sich, seine italienische Frau und neugeborene Zwillinge in Konstanz ein Häuschen suchte, fand er es in zwei Tagen.
Nach sieben Jahren Amerika ist er zurück in der Heimat: "Deutsche Universitäten reizen mich schon", sagt er, "und die Universität Konstanz ist noch recht lebhaft im Vergleich zu anderen." Die Ausschreibung des Altana- Stiftungslehrstuhls kam für Berthold wie gerufen: Zehn Jahre finanziert das Pharma-Unternehmen den Lehrstuhl für Bioinformatik mit jährlich 500000 Euro; dann muss die Universität die Professur selbst weiterführen. Die Verbindung seines Lehrstuhls mit dem Konstanzer Pharma-Unternehmen sieht Berthold positiv: "Menschen, die die Entwicklungen anwenden, kriege ich frei Haus geliefert." Und ohne Anwender, erklärt Berthold, könne er gar nicht forschen.
Umgekehrt gilt dies allerdings auch für die Anwender. Der Bioinformatiker hilft ihnen, in riesigen Datenmengen jene Zusammenhänge zu erkennen, die verraten, warum zum Beispiel ein Medikament wirkt oder nicht. Dazu entwickelt Berthold Computer-Programme. Er spricht von "Ideengeneratoren". Oft wissen die Anwender, die zu ihm kommen, nicht einmal eine richtige Frage und ihre Daten überblicken sie nicht. Niemand könne aus endlosen Tabellen mit zehntausenden Daten schlau werden, sagt Berthold. Er verwandelt den kruden Wust deshalb in bunte Bilder. "Es gilt, die Dinge anschaulich zu machen."
Dabei muss das Computer-Programm höchst flexibel sein. Ideen beim Forscher entstehen oft erst, wenn die anschaulich gemachten Daten neue Zusammenhänge verraten. Mal hier anklicken, mal dort etwas verknüpfen, mal eine coole Idee haben. Da müssen Bioinformatiker und Nutzer eng zusammenarbeiten. Bioinformatik sei eine Wissenschaft, bei der man alleine nicht erfolgreich sein kann, sagt Berthold. Er will deshalb oft Forscher anderer Fachgebiete treffen. Der Kaffee ist schon fertig.
Frank van Bebber
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